Zyklen: Die Frau.

Der Spiegel. Steht dort in der Ecke. Die Frau schleicht sich wie ein Löwe an seine Beute, langsam, fast tänzelnd, in seine Nähe. Räumt hier, räumt dort. Legt Kleidungsstück für Kleidungsstück ab. Geht aus dem Zimmer, hält inne, dreht den Kopf: der Feind schaut sie an. So muss sie zurückgehen, nackt, verwundbar, wütend.

Lange hält sie die Augen geschlossen, streicht mit den Händen über die verwundbaren Stellen. Blinzelt. Öffnet erst das eine, dann das andere Auge. Starrt, kneift, bückt, streckt, zieht ein. Dann nimmt sie die Schere. Schneidet links und rechts, schneidet und schneidet, bis der Spiegel blutverschmiert ist.

Sie steht aufrecht. Gierig leckt sie das Blut von den Händen. Küsst die Bilder des Feindes, die sie weiterhin anstarren. So nah war sie ihnen selten. Streichelt die fremden Körper auf Hochglanzfotos, bevor sie auch diese mit der Schere zerstückelt. Sie muss sich setzen, dann legen, dann stirbt das Selbstbild.

Als sie aufwacht, lieg sie zwischen Körperteilen. Nackte Arme, Beine, Brüste, Bäuche, Schultern, Köpfe. Sie klebt auf, setzt zusammen, zerreisst, wieder von vorn. Ein endloser Zyklus. Oben ein Arm, unten der Kopf, in der Mitte ein Bein, links der Bauch, rechts die Schultern. Das ist Glück.

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trilogie.

woanders sein

angetrieben, umgetrieben.

vorwärts, vorwärts.

stillstandslos, umgekehrt.

wunschvoll, gedankenvoll.

woanders, sein.

jemand sein

vertrauen, aufbauen.

loslassen, anfassen.

liebevoll, liebestoll.

atmen, existieren.

jemand, sein.

hier bleiben

dort, drüben.

still, still.

anhalten, freisein.

heimkommen, ruhevoll.

hier, bleiben.

Verdammt sein.

Möglichst wenig, und davon möglichst schnell viel. So dachte ich mir das. Und meistens klappt alles. Meistens. Es gibt aber auch Tage, da klappt so viel in langsamem Takt. Ich weiss nicht, was ich schöner finde, lieber mag, als besser beurteile. Man sitzt da und denkt sich etwas. Und oft klappt nichts. Oft.

Gegenteiliges verkommt in meiner Alltagstrivialität und verschmilzt zu einem Einheitsbrei. Dieser wird geknetet, mit Vorwürfen verfeinert, mit Geschrei zersetzt und durch Dichtung neu erschaffen. Neugierig denke ich. Und meist klappt alles. Oft.

Über Schönes schreiben

Traurigkeit ist ein großer Motor. Erstmal angeschmissen und mit einem Knarzen im Getriebe, rattert er ohne Unterlass. Wie in einem Stummfilmkino projiziert das Gehirn alle schmerzhaften Momente auf einmal an die Innenwand der Netzhaut. Reizt und kitzelt solange, bis das Auge es nicht mehr aushält und sich ergießen muss.

Melancholie ist ein fast ebenso großer Antrieb. Ist es nicht der Kloß im Hals, dann das Unwohlsein im Magen. Überlagert oft nur von Weltschmerz. Klingen sie nebeneinander, dann schwingt das Herz im Gleichtakt mit. Oder eben nicht. Gerät es aus dem Rhythmus, klopft es für die Einsamkeit, die auch gern mit der Melancholie verwechselt wird.

Glück hingegen wirft ein Fragezeichen auf. Schönes in Worte zu fassen wirkt trivial, fast kitschig und klischeehaft. Schade, ist es doch ein ebenso starkes Gefühl wie Trauer…und Melancholie. Über das Glücklichsein zu schreiben ist wortlos und darum nicht möglich. Zumindest in meiner Welt. Darum ist der Blog im Stillstand. Aber der Kopf nicht. Und auch das Muss ist noch da, fast mit einer noch größeren Wucht, mit einem größeren Willen und mit einem viel größeren Wunsch. Die Welt soll am Glück teilhaben. Könnte ich es bloß zu Papier bringen.

Going.Going.GoneGone.

Gedankenverloren streicheln die Finger über Bücher und Bilder. Betrachten die Augen alles Gesammelte in den Regalen, auf dem Boden, unter den Schränken – mit einem Blick erfassen sie das ganze Elend, dass dem Glück einst so nah war. Glück, seufzen die Lippen leise. Mit der Zunge wird ihre trockene Oberfläche benetzt. Und wieder: Glück.

Wie kann ein Wort mit fünf Buchstaben das Vergänglichste aller Gefühle beschreiben? Wem fiel diese Untertreibung ein? Fünf.

Die Nase nimmt den modrigen, vertrauten und lieb-gewonnenen Geruch der Welt auf. Atmet tief, gibt die Luft wieder frei – so bleibt zumindest ein Hauch meines Selbst zurück in dieser Vergänglichkeit.