Mischgemenge

Wenn wir gemeinsam und zeitgleich A und B sagen, klingt das fast, als würde die Brandung des Meeres an meine Ohren rauschen.

Als ertränke ich meinen unstillbaren Durst am Salzwasser.

Als flüsterten die Salzwiesen ihre Liebesgedichte in meine Augen.


Wenn wir gemeinsam und zeitgleich X und Y sagen, dreht sich mein Kopf wie in einem Wirbelsturm um die eigene Achse.

Bricht mir das Genick ein ums andere Mal.

Das Geräusch bin ich gewöhnt wie den Aufgang des Mondes Nacht für Nacht.


Wenn wir gemeinsam und zeitgleich stumm sind, zeigt die Zeit ihr schönstes Gesicht.

Splittert das Glas meiner Armbanduhr und schneidet den Arm blutig.

Nichtigkeiten im Kontinuum unseres Beisammenseins.

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Von Köpfen und Scheiße.

Gar rar finden sich Worte im unvermittelter Lautfolge.

Der Kopf scheißt Müll.

Geschweige denn vom Rest des Körpers.

Gar rar finden sich Gesten in erwiderter Liebenswürdigkeit.

 

Und dann gluckst es hervor, der kehlige Ton im Hals.

Der Bauch wackelt in seiner unermesslichen Größe.

Famosität bis ins letzte Detail.

Und dann gluckst es hervor, aus dem rechten Augenwinkel.

 

Größenwahn findet sich wie gestern ganz ohne Müh.

Lässt allen Verstand kapitulieren.

Traumeske Zustände sind das.

Größenwahn findet sich wie heute ganz ohne Müh.

 

Und dann ist es vorbei.

Flache Atmung, gehobene Brust.

Der Kopf scheißt Müll.

Und dann fängt es an.

Das Papier und ich.

Den Faden verlieren. Den Stift wieder aufnehmen. Gedanken verschwinden lassen und sich mit nebelumhüllten Hirn, an einer Rotweinflasche festhaltend, Buchstaben stammelnd einen Satz nach dem anderen in das Worddokument eintackern, dass wir heute „Papier“ nennen. Würden wir wirklich das aufschreiben, mit Füllfederhalter und aus recycletem Abfall hergestelltem, wirklichem Papier, was uns im Kopf, am Herzen, den Magen verstimmt, gäbe es mit Sicherheit nur halb so viel Schriftstellermüll auf dieser Welt.

 

Wie gedankenlos du heute bist. Wie schwerelos der Kopf in den Wolken steckt und das Herz, gleich einer Dampflokomotive, pumpt und nur langsam von der Stelle kommt.

 

Das leere Blatt und ich kämpfen. Dieses Weiß sticht mir ins Auge und die Linien verschwimmen zu einer unlinearen Gerade. Es ist, als würde ich ins Nichts schauen, gleich Atreju und Bastian in der Unendlichen Geschichte. Angezogen und abgestoßen zugleich, warteten sie darauf verschlungen zu werden, wie ich darauf hoffe mich selbst in der Ewigkeit des Papiers zu verlieren.

Ohne Mich.

Still ist es. Lichterloh brennen sich Straßenlaterne und Autoscheinwerfer in deine Augen. Zwischen Betonklötzen spazieren wir im Gänsemarsch, während der Schnee glitzernd die Hässlichkeit der Welt zudeckt. Als du dich umdrehst, bin ich verschwunden.

Auf deiner Suche wirst du blind. Kannst keine Gesichter mehr zuordnen. Blickst in leere Augen, die die Unendlichkeit deiner Seele nicht widerspiegeln können. Verzweifelt läufst du alle Orte ab, an denen du mich vermutest. Und dann weißt du irgendwann, dass ich nicht zurückkomme.

 

Hand in Hand fallen Alice und ich. Der Schacht ist schwarz, aber ihre blonden Haare leuchten. Das Kaninchen ist schon fern, flüstert sie mir ins Ohr. Und ich weiß, dass sie die Wahrheit sagt. Alice lügt nie.

Als wir auf dem Boden angelangt sind, sehe ich keine Türen, keinen Zaubertrank. Sind wir nicht in deiner Welt Alice, frage ich sie. Nein, antwortet Alice, wir sind in deiner. Im Dunkeln tastend finde ich nur glatte Wand. Aus kaltem Granit. Ich brachte dich her, jetzt wartet die Katze auf mich, sagt sie fröhlich und hüpft singend durch die Wand hindurch. Sie hat sich in Luft aufgelöst.

Ich nehme Anlauf und renne los. Pralle auf, falle und spüre aber keinen Schmerz. Nur nicht einschlafen, denke ich, raffe mich auf. Und taste mich zur Wand zurück. Die Schwärze um mich macht meine Augen blind. Schärft aber die Sinne. Ich höre und rieche. Fremdes. Unerklärliches.

Ohne Angst entscheide ich, der Wand den Rücken zu kehren und loszulaufen. Dabei stelle ich fest, dass ich mich nicht in einem Raum befinde. Hinter mir die Wand, vor mir die Dunkelheit. Ich gebe also die Sicherheit auf, wähne mich gerettet dadurch.

Ich drehe mich um, sehe Alices blondes Haar und deine weißen Augen durch die Schwärze leuchten. Alice nimmt dich mit. Ich gehe weiter.

 

Als Geräusche und Geruch sich ändern, weicht die Dunkelheit nicht. Der Boden ist weich, es duftet nach Moos. Vögel zwitschern. Aber ich sehe keine Sonne am Himmel. Mal mit geschlossenen, mal mit offenen Augen schreite ich durch meine Welt. Erkenne nichts. Bin verloren.

 

Und als mir die schneeweiße Zahnreihe in den Augen blendet, beschließe ich, umzukehren.

Trommelwirbel.

Der Regentropfen fällt auf die Nase. Anstatt ihn wegzuwischen, neige ich den Kopf so weit es geht in den Nacken, öffne den Mund und lasse in Sturzbächen die Welt in meinen Rachen regnen. Fluten über Fluten füllen den Bauch, die Beine, die Arme und schließlich den Kopf. Wenn ich den Mund schließe, brodelt es von innen gegen die Lippen und kitzelt von außen auf der rosigen Haut. Um mich herum eilt alles. Ich stehe. Schwarze Regenschirme drängeln um mich herum und schubsen meinen Körper wie den einer Puppe herum. Mit geschlossenen Augen spüre ich den Regen. Verfluche die Sonne, frohlocke der schwarzen Wolkenpracht am Firmament. Bis du kommst, meinen Wasserarm greifst und mich in den Hausflur ziehst. Nass und tropfend stehe ich mit gesenktem Kopf vor dir. Dampfend verschwindet die Flüssigkeit aus meinem bodenlangen Mantel und lässt uns in einer Nebelwolke zurück. Ich will dich, flüsterst du. Ich weiß, sage ich. Also ziehe ich den Mantel aus. Und alles mehr. Wand. Boden. Aus Granit. Wir frieren. Es ist eine angenehme Kälte. Der Regen trommelt auf das Fensterdach, während wir uns lieben. Das erste und einzige Mal. So muss es sein, flüsterst du. Wie in den großen Liebesgeschichten. Du bist mein Fluch, damit ich woanders Segen finde. Während du sprichst, ziehe ich den Mantel wieder an. Du willst mir deinen schwarzen Regenschirm geben. Ich schaue dich an und schlüpfe durch die Flügeltür mit den bunten Fenstern hinaus in die Nacht. Es hat aufgehört zu regnen.

Momentaufnahme.

Glück und Unglück sind eins.

Momentaufnahmen des Lebens,

Dauerhafte Suche,

Unendliche Reise.


Glück und Unglück sind eins.

Gefunden, verloren, losgelassen,

Zerbrochen, zusammengesetzt,

Ohne Kraft, mit Splittern.


Glück und Unglück sind eins.

Treiben voran und halten zurück,

Färben Blätter, dörren Gras,

Frieren den Regen, lassen Knospen.


Glück und Unglück sind eins.

Ein Kartenhaus auf unruhigem Fundament,

Türen und Fenster weit geöffnet,

Bringen Leben hinein.


Glück und Unglück sind eins.

Momentaufnahmen des Lebens,

Dauerhafte Suche,

Endliche Reise.

Tunnelwelt.

Mehrmals hat sie den langen Schal um den Hals geschlungen, aber als sie die Straße betritt, zieht sie ihn noch ein bisschen fester um sich. Unter klirrender Sternenkälte läuft sie auf verschlungenen Pfaden in die Richtung zurück, aus der sie gekommen ist. Hört das Untergrundungetüm schon, bevor sie es riechen und das Metall auf der Zunge schmecken kann.

Zwei Stufen auf einmal nehmend, springt sie hinab in die Tunnelwelt. Lauscht, zwischen vorbeirauschenden Motoren hervordringenden, sonoren Gesprächsfetzen, die in der Sinnlosigkeit ihrer Existenz einen Sinn ergeben. Als der Zug einfährt, ist sie die Letzte die einsteigt und sich an Menschenkörpern vorbei ins Innere zwängt.

Wenige Stationen nur will sie fahren, wie immer, obwohl der Moloch sich so weit erstreckt vor den Augen. Dunkelheit zischt an den Fenstern vorbei, in deren Scheiben sich müde und ausgezehrte Gesichter spiegeln. Den Schatten ihrer selbst, den sie dort anstarrt, lächelt erschöpft hinüber. Sie ist froh, als sie das andere Augenpaar erblickt, das sich tief in ihre Eingeweide bohrt.

Sie wird müde unter diesem Blick und als sie erwacht, zeichnet sich das Morgengrauen vor den Fenstern ab. Das Abteil ist leer. Sie liegt auf den Plastiksitzen. Für einen kurzen Moment erinnert sie sich an alles, um dann in einen Zustand unendlichen Vergessens zu fallen. Die Türen stehen offen und sie setzt sich langsam auf. Es riecht nach Dreck. Und Kerosin.

Sich eine Zigarette anzündend, gelingt es ihr, das Gleichgewicht zurückzuerlangen. Sie steigt aus. Die Buchstaben auf dem Stationsschild verschwimmen vor ihren Augen. Fuß vor Fuß setzend geht sie bis zum Rand des Bahnsteigs. Sieht, dass sie in die Vororte hinaus gefahren ist. Die Orte des Grauens…ihres Grauens. Ohne Verstand. Und ohne Zweck.

Obwohl das Sonnenlicht seinen Weg durch die Wolkendecke findet, spürt sie den Winter in den Knochen. Lange sitzt sie auf den Treppenstufen, die hinab führen. Nicht in die Tunnelwelt, sondern von oben herab in eine Welt, von der sie glaubte, sie sei längst nicht mehr die ihre. Und plötzlich wird ihr bewusst, wie einsam sie ist.

Sie springt auf. Rennt zurück in den Zug, der sich gefühlte Stunden nicht bewegte. Bangt, dass sich die Türen nie schließen werden. Als der Schaffner sie anspricht und sagt, dass die Züge zurück in die Stadt vom anderen Gleis fahren, wird ihr übel vor Erleichterung. Trotzdem gehorcht der Körper ihr mehrere Minuten lang nicht, lässt sie als Gefangene ihrer selbst auf der harten Plastikbank zurück.

Gehen – Bleiben. Ein Unentschieden. Sie hasst diesen Ort. Aber die Tunnelwelt hasst sie auch. Soviel Hass und Wut. Und dann spiegelt es sich wieder in der Scheibe. Das Augenpaar, das eine Antwort auf alles zu wissen scheint, verhöhnt sie. Blinzelt ihr zu. „Was willst du? Verschwinde!“, brüllt sie sich selbst an. Schlägt auf die Scheibe ein, bis der Schaffner sie aus dem Abteil zerrt.

Ihren Arm reibend und keifend, eilt sie schnellen Schritts die Eisenstufen herunter. Bleibt am Münzsprecher stehen und kramt tief in ihren Manteltaschen. Als sie die Nummer wählt, zittern ihre Finger. Erst beim dritten Versuch nimmt jemand am anderen Ende den Hörer ab. Als sie in die Sprechmuschel flüstert, scheint das laute Schluchzen ihr Trommelfell zu zerbersten.

Sie sieht das Mädchen schon von weitem an der Ecke stehen. Sieht, wie es sich suchend umblickt. Langsamer wird ihr Schritt. Mit klopfendem Herzen beleibt sie stehen. Hebt die Hand und winkt. Fast stolpernd überwindet sie die letzten Meter und umfasst den kleinen Körper fest mit ihren Armen. Sie küsst den fettigen Mittelscheitel. „Ich bin zurück aus der Tunnelwelt“, murmelt sie.

Hand in Hand laufen sie die Straße entlang. Es beginnt zu schneien. Das Kind führt sie. In die Wärme. Setzt Teewasser auf. Kocht eine Suppe. Deckt den Tisch. Während sie einfach dasitzt und alles geschehen lässt. Wortlos verständigen die beiden sich miteinander. Ruhe liegt über allen Gesten und Handgriffen. Hier findet sie Frieden.

Drei Tage lang bleibt sie. Dann geschieht, was immer geschieht. „Der Tunnel wartet auf mich“ – wie Kanonenschüsse platzen die Worte aus ihrem Mund, umschlingen ihren Hals. Das Mädchen hält sich die Ohren zu. Aus der Haustür stürzend, erwischt sie die letzte Bahn. Schlingt den Schal fest um den Kopf. Nichts hören, nichts sehen – nur der Geruch nach Kerosin und Dreck findet den Weg in ihre Nase. Sie weiß, sie ist da, wo sie nicht sein will, aber sein muss.

Herzkopf.

Ein leeres Blatt ist wie ein leeres Leben, denke ich, setze mich an den Schreibtisch. Davor. Starre auf Papier und Bildschirm. Trenne wichtige Worte von unwichtigen. Sortiere. Starre. Mit zuckenden Fingern. Wenn man so viel zu sagen hat. Aber die Worte fehlen…dreht sich mir fast der Magen um. Wandern die Schmerzen im Bauch herum. Der Kopf gehorcht nicht. Bildet nichts Zusammenhängendes. Ich sitze immer noch da. Starre. Inzwischen nach draußen. Versuche Wollen, Können und Müssen unter Kontrolle zu bringen. Wie unzähmbar erscheint sie mir heute. Chamälionisieren sich die Worte vor meinen Augen und ergeben einfach keinen Sinn mehr.

 

Wenn ich die Balkontür öffne, denke ich, drehe den Griff und atme frische Luft. Kalte Luft. Alles ist besser als der Geruch von leerem Papier und dem Rest deines Parfums in der Wohnung. Weit geht der Blick aus meinen Fenstern. Dachte ich doch, ich bin bei mir. Standhaft. Unberechenbar zwar, aber stark. Finde für alles Ausdruck, was mir wichtig ist. Und nun stütze ich mich auf das eisige Geländer und alles fällt. Versinkt, taucht wieder auf, umwirbelt wie ein Blättersturm das Chaos im Herzkopf.

 

Das Papier ist immer noch leer, als ich den Stift wieder ansetze, der nicht schreibt. Tintenlos. Minenlos. Vielleicht muss ich gar nichts mehr sagen. Nichts mehr schreiben. Und mir schwindelt, wenn ich daran denke. Die Stimme im Kopf. Kann das Verlangen nicht schmälern. Greift meinen Verstand an, dringt aber nicht durch bis ins Epizentrum des Wollens. Und Müssens. Denn darum geht es schließlich.

 

Die Worte sitzen auf den Schultern, drücken mit ihrer Schwere auf den Körper. Und lassen mich doch tränenlos zurück. „Bin ich abgestumpft?“ tippen meine Finger. Und streichen gleich wieder die Buchstaben vom Papier. Und ich merke, dass man sich daran gewöhnen kann. An Liebe. An Tod. Und Gedanken. Merke, dass es nicht schlimm ist, einfach weiter zu machen. Fahre mit den Fingern über den längst verblassten Kuss auf meinen Lippen. Und fange die losgelassenen Worte mit einem Netz aus Wollen, Können und Müssen wieder ein. 

Vom Suchen und Finden.

K             C             V             I              E             V             V             F             R             W           R             E             K

O            H             I              D             N            O            E             I              E             A             E             R             O

K             A             S             E             T             L              R             K             A             H             F             K             K

O            O            I              E             S             L              S             T             L              R             L              E             O

L              S             O            N            T             E             T             I              I              H             E             N            L

O                            N                            E             N            A             O            T             E             X             N            O

R                                                            H             D             N            N            Ä             I              I              T             R

E                                                            U            U            D                            T             T             O            N            E

S                                                            N            N                                                                           N            I              S

                                                               G            G                                                                                           S

 

                Wahn.                  Sinn.                      Momentum.

 

                Wollen.                               Können.              Müssen.

 

                Kontrolle.           Kontrast.             Wortlos.

 

                                               Kokolores.